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Henryk M. Broder schreibt über Island

25.6.2010

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Seit langem bereist der Journalist Henryk M. Broder Island und berichtet in einer Vielzahl von Artikeln über Land und Leute. Demnächst werden Broders gesammelte Islandtexte in Buchform veröffentlicht. Im folgenden Artikel, der zuerst bei SPIEGEL ONLINE unter der Überschrift Vulkankuchen und Schafspastete erschien, spricht Henryk M. Broder mit der 31-jährigen Designerin Brynhildur Pálsdottir, die trotz Krise und Vulkanausbruch Reykjavík immer noch wärmstens empfehlen kann.


Vulkankuchen und Schafspastete

Brynhildurs bunte Designwelt: Die Reyjkaviker Künstlerin entwirft alles, von Robbendecke bis Schmortopf - sofern die Rohstoffe dafür von ihrer Insel stammen. Der Finanzkrise kann sie auch Gutes abgewinnen.

Brynhildur Palsdottir fährt ein altes Fahrrad, das sie bei einer Versteigerung der Verkehrspolizei gekauft hat, und trägt spanische Designerschuhe, die ein Vielfaches des Fahrradpreises gekostet haben.

Wäre es umgekehrt, würde sie auffallen. Aber so herum hat alles seine Ordnung.

Denn Brynhildur ist Designerin, sie lebt und arbeitet in Reykjavik, wo sie 1979 geboren wurde. Nach dem Abitur studierte sie "Product Design" in Amsterdam und Reykjavik. Mit zwei "Bachelor"-Abschlüssen in der Tasche machte sie 2005 ein eigenes Studio auf, in einer ehemaligen Halle am Reykjaviker Hafen. "Die war groß, hell und nicht teuer."

Ihre erste Kollektion waren fünf Wolldecken, die sie für eine Fabrik in Vik entwarf. Brynhildur verzichtete auf die klassischen isländischen Muster und ließ sich von der Natur inspirieren: der Topografie der Insel und der Form der Robben. Decken, die man auf das Sofa legen oder in die man hineinschlüpfen kann. Sie verkauften sich gut. Brynhildur beschloss, nur noch Produkte zu entwerfen, die man aus einheimischen Rohstoffen herstellen kann: Wolle, Holz, Ton und Tierisches. "Wenn ich Möbel aus brasilianischem Holz machen möchte, würde ich nach Brasilien gehen."

"Wir waren vollkommen durchgedreht"

Brynhildur gründete eine Initiative ("Designer And Farmer United"), um aus lokalen Ressourcen originelle und schmackhafte Produkte zu kreieren: zum Beispiel Rhabarber-Candy oder "Slatur", eine Pâté aus den Innereien von Schafen. In diesen Tagen will sie einen "Römertopf" aus isländischem Ton vorstellen. Der Rohstoff kommt von einer Farm im Norden des Landes, auf der Schafe gezüchtet werden. "Das ist der Kreislauf der Natur. Das Lamm wird in einem Topf geschmort, der aus der Erde kommt, auf der die Lämmer herumgelaufen sind."

Lange vor dem Ausbruch des Eyjafjallajökull entwarf Brynhildur ein Poster ("How to make an active vulcano cake"), eine Anleitung zum Backen von Kuchen in Vulkanform. Es hängt heute in vielen Reykjaviker Cafes und Geschäften.

Im Oktober 2008, am Vorabend der Krise, reiste Brynhildur nach Japan, wo sie dann von den Nachrichten aus der Heimat eingeholt wurde: Bankenpleite, Abwertung der Krone, Ende der fetten Jahre. "Es war ein Schock. Bis dahin mussten wir uns über Geld nicht viele Gedanken machen, auf einmal wussten wir nicht, ob wir uns noch eine Miso-Suppe leisten konnten."

Zurück in Island, kam sie mit der neuen Situation besser zurecht, als sie befürchtet hatte. "Ich hatte keine Aktien, die nichts mehr wert waren, und keine Kredite, die sich verdoppelt hatten." Heute, fast zwei Jahre später, findet sie: "Es ist gut, dass es passiert ist. Wir waren vollkommen durchgedreht. Jetzt haben wir wieder festen Boden unter den Füßen."

Brynhildur Palsdottir geht es gut. Sie unterrichtet an der Kunstakademie und bekommt genug Aufträge, um ihr Design-Studio zu betreiben. Zuletzt hat sie für die Stadt einen kleinen Fischmarkt am Hafen gestaltet. Denn Reykjavik hat zwar einen Fischereihafen, aber keinen Markt für frische Fische.

"Es wäre einfacher, woanders zu leben. Aber hier macht es mehr Spaß."


von Henryk Broder


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