Buch des Monats

Grund und Boden

Jarðnæði„Ich zähle mich nicht zu den Menschen, die irgendetwas im Leben erreicht haben und finde auch nicht, dass mein Leben oder meine Erinnerungen besonders interessant sind. Andererseits bin ich der Meinung, dass jedes Leben interessant ist und, dass es in Wirklichkeit eine große Errungenschaft ist, wenn man den Tag unfallfrei übersteht,“ meint die Autorin Oddný Eir Ævarsdóttir über ihr drittes Buch Jarðnæði, (dt. etwa: Grund und Boden) im Gespräch mit Sagenhaftes Island.

In einem ruhigen und fast meditativen Tagebuchstil schildert sie die Suche der Protagonistin Oddný nach Herkunft und Zugehörigkeit, beschäftigt sich mit den Themen Grundbesitz und Nomadentum und philosophiert über Gefühle und Zusammenleben. Oddný versucht etwas über ihre Vorfahren herauszufinden, und begibt sich auf eine Art Pilgerreise, auf der Suche nach ihren Wurzeln und einem Platz, wo ein Gleichgewicht zwischen Familie und Individuum herrscht. Neben Reisezielen auf Island macht sie Station in europäischen Metropolen wie Paris, Basel und London und erforscht Formen des Zusammenlebens. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, den eigenen Platz in der Welt zu finden, stößt sie auf eine uralte Form des Zusammenlebens, die überraschend modern wirkt und den Schlüssel zur perfekten Liebesbeziehung in sich birgt.

Ähnlich wie in ihren vorherigen Werken, balanciert die Autorin zwischen Biografie und Roman und verwischt die Grenzen zwischen Protagonistin und Autorin. Oddný wurde von Kritikern mit dem großen modernen Klassiker der isländischen Literatur Thórbergur Thórdarson verglichen, der in seinem Werk diesen autobiografischen Stil prägte.

Die Magie des Tagebuches

Für Grund und Boden wurde Oddný für den Isländischen Literaturpreis, die höchste literarische Auszeichnung des Landes, und für den Isländischen Frauenliteraturpreis nomminiert. Die Kritiker waren von Oddnýs spielerisch leichter und gleichzeitig tiefsinniger Erzählweise begeistert.

„Es gibt viel Humor in Oddnýs Texten und außerdem Kraft, Optimismus und die Suche nach Lösungen und neuen Wegen,“ schrieb Auður Aðalsteinsdóttir in der Zeitschrift Spássían. „Oddný gelingt es nicht, alle Fragen zu beantworten, die auf ihrer Suche nach Zugehörigkeit aufgeworfen werden. Was im Grunde eine größere Rolle spielt, ist die Suche selbst – die Reise – und das Bestreben, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Die offene Tagebuchform gibt dem Leser die Gelegenheit, die losen Enden selbst in die Hand zu nehmen und die Reise und die darin liegende Meditation auf eigene Faust fortzusetzen. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben und was können wir tun, um dies zu verwirklichen?“ Kritikerin Þórunn Hrefna Sigurjónsdóttir schrieb in der Tageszeitung Fréttablaðið: „Oddný hat sich eine Sonderstellung unter den isländischen Autorinnen geschaffen. Ihre Texte sind anmutig und aufschlussreich zugleich, der Stil wagemutig und eigentümlich.“ Die Literaturkritikerin der Tageszeitung Morgunblaðið, Anna Lilja Þórisdóttir, war ebenso begeistert: „Oddný ist weit entfernt von Affektiertheit, der Text ist authentisch, bodenständig und stellenweise unglaublich komisch. Es gibt nichts Überflüssiges oder Gewöhnliches. Im Großen und Ganzen ist es ein aufrichtiges und kurzweiliges Buch, voller anregender Gedanken und wundervoller Sätze.“

Den Schwanz entdecken und lernen mit ihm zu wedeln

„Die zündende Idee zum Buch war vermutlich eine Zeile aus Heideggers Brief über den Humanismus, wo er behauptet, dass die Sprache das Haus des Seins sei. Diesen Satz hatte ich bei der ersten Lektüre sehr deutlich unterstrichen und viele Ausrufezeichen an den Rand der Seite geschrieben. Als ich ihn einige Jahre später wieder entdeckte, dachte ich darüber nach, was er eigentlich gemeint hatte und auch, was eigentlich meine vielen Ausrufezeichen zu bedeuten hatten.“

Oddný Eir ÆvarsdóttirDas Buch trägt als Genrebezeichnung ‚Tagebuch‘. Warum?

„Das Tagebuch als Literaturform ist mir wichtig und ich wollte den Versuch wagen, einen Roman in diesem Stil zu schreiben, genauso wie ich ein Tagebuch geschrieben hatte, als ich klein war. Ich spiele mit der Grenze zwischen Autobiografie und Roman und finde es spannend, die Grenzen des Romanes so weit wie möglich zu dehnen.“

In Heim zu meinem Herzen beschreibst du die innere Reise der Protagonistin durch die eigene Vergangenheit und betonst die Notwendigkeit, regelmäßig den eigenen Resetknopf zu drücken. In Grund und Boden schreibst du über die Suche nach einem Ort des Seins – ein Extrazimmer, das gleichzeitig Raum für Kommunikation mit nahestehenden Personen lässt. Beschreibst du im neuen Buch eine vergleichbare Suche nach einem Nullpunkt?

„Das ist ein schöner Vergleich. Wahrscheinlich kommt diese Suche nach Halt, die ich in Grund und Boden beschreibe, der Suche nach dem Nullpunkt im vorigen Buch sehr nahe. Und tatsächlich werden in jedem meiner drei Romane die Wurzeln untersucht, in gewisser Hinsicht entdecke ich meinen Schwanz und lerne mit ihm zu wedeln. Wir leben in Zeiten der Wiederauferstehung, befinden uns auf so vielen zeitgenössischen Gebieten an einem Nullpunkt und müssen alles von Grund auf neu denken. Ich erlebe dies als persönliche und zugleich gesellschaftliche Herausforderung.“

In diesem sehr persönlichen Werk sind auch nationale Aspekte zu finden. Du hast dich in den vergangenen Jahren für den Naturschutz eingesetzt und erforscht im Buch die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

„Dieses Buch handelt von Kreisläufen wie Jahreszeiten, Lebensläufen oder Kreisläufen von Gedanken und Gefühlen. Es handelt von unserem Platz in diesem ewigen Kreislauf und unserer Verantwortung für diesen. Die Natur ist eine gute Lehrerin für Bescheidenheit; wenn wir ihre Kreisläufe lernen, erfahren wir gleichzeitig viel über uns selbst und können die Gerechtigkeit der Welt erneuern. Die Natur ist für mich auf geheimnisvolle Weise sehr eng mit der Liebe und der Gerechtigkeit verbunden. Verbindungen zur Natur habe ich durch mein Engagement für Naturschutz und auch durch eine Annäherung durch Musik und Bildende Kunst bekommen; und natürlich durch Reisen.“

„Es ist so peinlich zu meinen, dass irgendjemand wirklich Interesse daran haben könnte, was man denkt,“ sagt die Protagonistin des Buches. Hast du das Gefühl, mit dieser Art des Schreibens ein Risiko einzugehen? Der französische Ethnologe Michel Leiris, der am Ende des Buches zur Sprache kommt, schrieb seine eigene Biografie und meinte, dass autobiografische Schriften ein Risiko in sich bergen würden.

„Michel Leiris ist mir im Geiste immer nahe und ich finde es sehr interessant, weiter zu erforschen, worin dieses Risiko besteht, das er im Zusammenhang mit autobiografischen Schriften erwähnt. Wenn man Schriften veröffentlicht, die dem eigenen persönlichen Leben und dem von Freunden und Verwandten sehr nahe stehen, hört man auf, verschiedene Dinge zu tun. Oft verfassen diejenigen ihre Erinnerungen oder Autobiografien, die meinen, dass sie irgendetwas im Leben erreicht haben. Ich zähle mich nicht zu den Menschen, die irgendetwas im Leben erreicht haben und finde auch nicht, dass mein Leben oder meine Erinnerungen besonders interessant seien. Andererseits bin ich der Meinung, dass jedes Leben interessant sei und, dass es in Wirklichkeit eine große Errungenschaft ist, wenn man den Tag unfallfrei übersteht. Ich denke, wir können über jedes Leben interessante Geschichten erzählen, wobei es nicht wichtig ist, sich Zensuren oder Jahreszahlen richtig zu merken, sondern zu versuchen, die Wahrheiten jedes Lebens zu vermitteln. Meine Herausforderung im Leben ist mit Wahrheit und Dichtung verbunden.“


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