Buch des Monats
Als der König kam
Was kann es besseres zur Vertuschung eines Mordfalls geben als die Ankunft eines Königs? Für seinen Roman Þegar kóngur kom (wörtlich: Als der König kam) wählte Helgi Ingólfsson ein spektakuläres Ereignis der isländischen Geschichte als Hintergrund und Motor der Handlung. Das Buch wurde von der Isländischen Kriminalgesellschaft mit dem Blóðdropinn (wörtlich: Bluttropfen) als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Sagenhaftes Island traf ihn zum Gespräch über seine Recherchearbeit, den isländischen Befreiungskampf im 19. Jahrhundert, und die dichterische Freiheit in historischen Romanen.
Die Jury begründete ihre Wahl mit ähnlichen Argumenten wie die Kritiker bei Erscheinen des Romans: Als „höchst originell,“ bezeichnete ihn Páll Baldvin Baldvinsson in der Tageszeitung Fréttablaðið, und lobte zugleich die genau recherchierte Beschreibung des historischen Ereignisses. Der Schriftsteller Hallgrímur Helgason bezeichnete Als der König kam als einen besten isländischen Romane des vergangenen Jahres: „Ein bezauberndes Buch, das den Leser in die Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts hineinsaugt und dort gefangen hält. [...] Ein Reykjavik des Jahres 1874 ersteht durch die facettenreichen Charaktere aus allen Schichten, die gemeinsam die Ankunft des Königs erwarten. Der Leser fühlt sich wie in einer Zeitmaschine, die er nur ungern verlassen möchte.”
Jubelschreie in der Ferne
Die Handlung des Romans beginnt mit einem Mädchen, das mit einem neugeborenen Kind an der Brust in einer Hausnische kauert. Plötzlich fällt ein Schatten auf das Mädchen und sie wird mit zwei Schlägen auf den Kopf getötet. In der Ferne sind das Donnern von Gewehrsalven und Jubelschreie zu hören. Tausend Jahre sind seit der Besiedlung Islands vergangen und die Stadt ist in euphorischer Stimmung, weil der dänische König Christian IV. nach Island gekommen ist, um dieses Jubiläum zu zelebrieren, ist Island doch schon seit Jahrhunderten eine dänische Kolonie. Auch wenn seine Ankunft bejubelt wird; die extremen Unterdrückungs- und Ausbeutungsaktionen, die Island durch das dänische „Mutterland“ erlitten hat, sind unvergessen. Längst hat sich in Island – wie in anderen europäischen Staaten des 19. Jahrhundert – eine Unabhängigkeitsbewegung formiert.
Sagenhaftes Island: Was war die Grundidee der Handlung und wie viel Erfindung steckt in der Geschichte?
Helgi: Ein so großes Ereignis wie die Ankunft des dänischen Königs war genau das, was ich brauchte, um einen Mord zu verbergen – gerade weil der Mord zur Zeit des Besuches von König Christian IV. spielt und somit alles im Geheimen geschehen muss. Eine Mordermittlung, die die Aufmerksamkeit der Stadtbewohner auf sich gelenkt hätte, wäre vor dem Hintergrund der Feierlichkeiten ein Skandal gewesen.
Die Handlung ist historisch so wahr, wie es in einem Roman möglich ist. Als ich mit dem Schreiben begann, setzte ich mir das Ziel, keine historischen Fakten zu verwenden, die nicht hundertprozentig nachprüfbar seien. Daher habe ich die Geschichte auch aus dem Blickwinkel von historischen Personen geschrieben, die tatsächlich zugegen waren. Darüber hinaus ist nachgewiesen, dass die von mir verwendeten historischen Persönlichkeiten an genau den Orten waren, die ich beschrieben habe. Das Fest im letzten Kapitel wurde tatsächlich mit den erwähnten Personen abgehalten. Die beschriebenen Schuljungen standen wahrhaftig auf der Treppe und sangen. Alles weitere geben die Quellen nicht Preis und meine dichterische Fantasie übernimmt.
Sagenhaftes Island: War es schwierig, die Lücken zwischen den bekannten historischen Fakten zu füllen? Und kann man als Leser Fakten und Fiktion auseinanderhalten?
Helgi: Eigentlich war es einfach, das Gleichgewicht zwischen Geschichtswissenschaft und Literatur zu finden – es kam ganz von allein und ist jedem offenbar, der mit der Materie ebenso gut vertraut ist. Nur die Leute, die nicht genauso viel wie ich in den Quellen recherchiert haben, werden Dichtung und Wahrheit in meinem Buch anfangen zu vermischen. Ansonsten traue ich meinen Lesern grundsätzlich zu, zwischen Geschichtswissenschaft und Literatur unterscheiden zu können. Ich verberge meine literarischen Hinzudichtungen vor niemandem.
Die Zeit ist reif, den nationalen Befreiungskampf neu zu bewerten.
Sagenhaftes Island: Historische Persönlichkeiten werden in Deinem Roman in neuem Licht präsentiert, darunter Helden des isländischen Befreiungskampfes. Hattest Du keine Angst vor den Reaktionen, die das Buch hätte auslösen können?
Helgi: Ich denke die Zeit ist schon längst reif dafür ist, dass die Isländer ihren nationalen Befreiungskampf und dessen Helden neu bewerten. Historische Verherrlichung nützt niemandem – ganz im Gegenteil finde ich, dass es gut ist, die menschlichen Seiten unserer Helden zu zeigen. Ich hatte nie die Reaktionen gefürchtet – was hätte ich denn erwarten sollen? Ein Bombardement aus faulen Eiern? Neun von zehn Leuten, die das Buch gelesen und mit mir darüber diskutiert haben, waren voll und ganz zufrieden mit meiner Arbeit. Und die anderen zehn Prozent waren unzufrieden mit dem Ende, haben das Buch trotzdem gelobt.
Sagenhaftes Island: Du hast bereits zwei historische Romane verfasst, die im antiken Rom spielen. Es muss für einen erfahrenen Geschichtslehrer befriedigend und gleichwohl befreiend gewesen sein, historischen Persönlichkeiten Worte in den Mund zu legen.
Helgi: Es ist schwer, Romane zu schreiben, die auf historischen Quellen beruhen und gleichzeitig wissenschaftlich und dichterisch befriedigend sind. Es ist nicht alles wie es scheint. Oft habe ich die meiste Zeit für die Dinge investiert, die im Nachhinein mühelos und einfach wirken.
Die Befriedigung für den Geschichtslehrer in mir bestand eigentlich darin, dass Junge wie Alte und Belesene wie Unbelesene nach der Lektüre von Als der König kam zu mir gekommen sind und mir gesagt haben, dass sie das damalige Dorf Reykjavík und die darin lebenden Menschen höchst lebendig vor sich gesehen haben. Das ist wahrlich befriedigend und befreiend. Darüber hinaus war es unterhaltsam für mich, Rätsel zu lösen, die mit dem Besuch des Königs zusammen hängen, zum Beispiel warum am 2. August 1874 dänische Matrosen bei Kanonenschüssen verletzt wurden und warum Halldór Kr. Friðriksson ein Fehler unterlief, als er am 6. August 1874 zum König sprechen sollte. Aber diese “Entdeckungen” werden leider niemals ihren Weg in die Geschichtsbücher finden.
