Buch des Monats
Sonate für den Schlaf
„Mein Opa glaubte tatsächlich, dass er in andere Leute fahren würde, wenn er schliefe, und dass seine Träume die Erlebnisse dieser Menschen seien. Ich selbst glaube, dass es war ist, dass er tatsächlich in andere Leute gefahren ist,“ sagt die Autorin Þórdís Björnsdóttir im Gespräch mit Sagenhaftes Island. Aus diesen vagabundierenden Träumen ihres Großvaters entstand der Roman Sonate für den Schlaf, der 2011 im Allinti Verlag in der Übersetzung von Betty Wahl publiziert wurde. „Die Sonate für den Schlaf ist gewissermaßen wie ein langer Traum, in dem ich darüber philosophiere, was Wirklichkeit ist und welche Art von Wirklichkeit real ist,“ sagt Þórdís. „Zum Beispiel traf ich neulich einen Mann, der auf seiner Reise durch Südamerika die halluzinogene Droge Meskalin eingenommen und sich in einen Fisch verwandelt glaubte. Er sagte, dass er die Flossen und den Schwanz spüren konnte und den Mund wie ein Fisch auf und zu machte. Da stelle ich mir die Frage: War er ein Fisch oder war er kein Fisch?“
Brüchige Wirklichkeit
Eine junge Frau namens Ívana kommt in eine namenlose Stadt, um nach einem verschwundenen Mann zu suchen, der die Gabe besitzt, Seelenwanderungen zu machen. Ívana bezieht eine kleine Wohnung in der Innenstadt und lernt Personen kennen, die zuweilen wirken, als seien sie nicht von dieser Welt. Die Wirklichkeit ist brüchig in Þórdís Björnsdóttirs zweitem Roman und es dauert nicht lange, bis die Grenzen zwischen Traum und Realität verwischen. Im Keller ihres Hauses entdeckt sie Gänge, die in eine Welt führen, in der nicht die selben Regeln gelten, wie in unserer. Dann gibt es noch den Pianisten Garibaldi, welcher der eigentliche Autor der Sonate für den Schlaf ist. Über Ívanas Suche herrscht eine unablässige Angst, der Tod scheint allgegenwärtig.
Literaturkritikerin Úlfhildur Dagsdóttir verglich das Buch mit den Filmen von David Lynch und verwies gleichzeitig auf die Ähnlichkeit zu Werken von Kristín Ómarsdóttir und Gyrðir Elíasson. Die Kulturjournalistin Una Sighvatsdóttir von der Tageszeitung Morgunblaðið äußerte: „Þórdís gelingt es hervorragend, den Leser weiter zu locken und Spannung aufzubauen, indem sie in der Zeit vor- und zurückspringt und nur wenige Informationen preisgibt. Sie erzählt eine interessante Geschichte, in der zahlreiche mysteriöse Vorzeichen und Symbole auftauchen, deren Deutung dem Leser jedoch verborgen bleibt.” Ágúst Borgþór Sverrisson vom Internetportal Pressan zeigte sich begeistert und bezeichnete den Roman als „stilvolle, unaufdringliche und zierliche Fantasie. [...] Dies ist ein mitreißendes Märchen [...]Die Geschichte ist scharfsinnig und gekonnt im Aufbau. Der berauschende Stil macht die Erzählung nur noch besser. Þórdís Björnsdóttir ist eine beeindruckende und spannende Autorin.”
Alltägliches Unbehagen
Nach anfänglichen Erfolgen in der Lyrikszene veröffentlichte Þórdís im Jahr 2007 ihren ersten Roman, Saga af bláu sumri (wörtlich: Die Geschichte vom blauen Sommer). Sie sagt selbst, dass ihr die ersten Schritte im Bereich der Romanliteratur leicht fielen. „Ich setze mich nie vor ein leeres Blatt und entschließe mich, einen Roman oder einen Lyrikband zu schreiben, viel eher kommen die Ideen zu mir und verlangen, dass ich ihnen eine endgültige Form verleihe. Wenn ich eine Idee zu einem Roman bekomme, weiß ich sofort, dass es ein Prosatext und kein Gedicht wird. Dann sehe ich die Geschichte in ihrer Ganzheit vor mir. Ab diesem Punkt ist es meine Aufgabe, sie hinaus in die Welt zu tragen, sodass auch andere etwas von ihr haben. Gedichte fliegen mir hingegen auf andere Weise zu, meist als Sätze oder Stimmungen, mit denen ich dann arbeite. Gedichtsammlungen entstehen somit über viele Montate, manchmal sogar Jahre, sodass ich meist große Probleme habe, ein Manuskript zusammen zu stellen, das auch wirklich schlüssig ist. Aber wenn ich einen Roman schreibe, weiß ich genau, wohin ich will und schreibe den ersten Entwurf in einem Zug von Anfang bis Ende. Meine Arbeitsweise ist also bei Romanen und Gedichten ziemlich unterschiedlich.”
Das Werk der Autorin wurde von einigen Kritikern bereits mit der Gothic-Bewegung in Verbindung gebracht, in der Okkult und Horror miteinander verflochten sind. In der Sonate für den Schlaf schlummert ein diskretes Unbehagen, genau wie in ihrem ersten Buch, das sie auf ihre „niedlich-schauderhafte Weise zusammenbraute”, wie es die Literaturwissenschaftlerin Úlfhildur Dagsdóttir in ihrer Rezension ausdrückte. Auf die Frage, woher ihr Interesse an den dunklen Seiten des Daseins käme, antwortete die Autorin, dass es ihr schon immer leicht gefallen sei, sich allerlei unangenehme Dinge vorszustellen - weil sie Angst im Dunkeln habe und es ihr extremes Unbehagen bereite. „Ich glaube, dass diese Tendenz in meinen Texten deutlich zum Vorschein kommt, manchmal bewusst und manchmal nicht. Ich finde es spannend, die schwelende Furcht zu spüren, auch wenn sie unwirklich ist und ich sie eigentlich desto spannender finde, je alltäglicher die Umstände sind. Was auch einen ganz bestimmten Humor in sich birgt, den ich zu schätzen weiß. Im Alltag stelle ich mir alle möglichen absurden Bilder vor, weil ich es wichtig finde, den Alltag abenteuerlich zu gestalten. Und dann geht es nicht mehr darum, sich hinzusetzen und etwas aufzuschreiben, um danach aufzustehen und etwas anderes zu machen. Ich betrachte Fantasie und Alltag als Einheit, das ist mir sehr wichtig.”