AutorIn des Monats

Hallgrímur Helgason


Bevor sich Hallgrímur Helgason wieder auf den Weg nach Deutschland machte, unterhielt sich Sagenhaftes-Island mit ihm über seine Arbeit als Schriftsteller, die Krise und den Wert isländischen Papiers in der heutigen Zeit. Sein neuester Roman Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen erschien jetzt bei Klett-Cotta in Stuttgart.


HH Email (Grüße auch an Grim), 24.Februar 2010, kl. 20.38



Hallo Hallgrímur

hallgrimur-portrett(Hallgrímur Helgasson. Der Name ist so gewöhnlich in Island, wie Müller in Deutschland) Der Nachname Helgason erinnert an die Anekdote, als die Namen der elf isländischen Spieler bei der EM verlesen wurden. Nachdem der Ansager die Nachnamen verlesen hatte, fügte er hinzu, dass es ein interessanter Zufall sei, elf Brüder in einem Team zu haben.


Ja, mein Vorname hat schon oft für Verwirrung gesorgt, besonders in Amerika. Dort heiße ich Hal Cream, Al Green oder Hulk Reemer.

,,Hast du dich komplett von der Malerei verabschiedet?“ habe ich dich letzten Winter in einer Bar in Reykjavík gefragt. Ich weiß nicht mehr genau, was du geantwortet hast, aber die Schriftstellerei nimmt den Großteil deiner Zeit in Anspruch. Du bist gerade erst nach Hause gekommen, wenn man Island noch dein Zuhause nennen darf. Wo in Deutschland warst du genau?

Ich war kurz zu einer Lesung im Hamburger Literaturhaus. Dort ist es immer schön. Ein hübsches Gebäude, gute Stimmung im Saal und der Leiter, Dr. Rainer Moritz, ist ein begeisterter Literaturfreund. Er ist eine interessante Mischung aus hochgebildetem Intellektuellen, der Proust in- und auswendig kann, und normalem Spaßbürger, der alle Eurovisionslieder der Geschichte kennt. Am 7. März werde ich wieder nach Süden fliegen und in Köln (08.03.), Salzburg (09.03.), Stuttgart (10.03.) und Gschwend (11.03.) lesen. Letzteres ist ein kleines Dorf in Schwaben mit hohen kulturellen Ansprüchen.

Du hast eigentlich drei Leben: du schreibst, malst und zeichnest die Comicfigur Grim, die erst vor kurzem im Buch Best of Grim (2004) erschienen ist. Es ist eine Mischung aus Texten und Zeichnungen. Seit Oktober 2008 herrscht in Island mehr oder weniger Weltuntergangsstimmung und das wird sicher noch eine Weile andauern. Hast du diese irrsinnige Krise in irgendeinem Bereich des Schreibens, Malens oder in ‚Grims Märchen' einfließen lassen?

Ja, es ist sogar noch komplizierter als es klingt, weil sich das Schreiben in Romane, Gedichte, Theaterstücke, Drehbücher und Zeitungsartikel unterteilt. Zur Kunst zählen Gemälde, Zeichnungen und neuerdings auch Fotografie. Die Comicfigur Grim ist dagegen eher eine ungespaltene Persönlichkeit. Zum Jahrestag der Krise im Oktober 2009 habe ich die Ausstellung "A Expansão islandesas 2009 - Die isländische Expansion 2009“ gemacht. Dort habe ich Fotografien von mir selbst gezeigt, auf denen ich einen Wirtschaftswikinger im Endstadium verkörpere. Die Expansion hatte ihn bis nach Afrika geführt, wo er mit seinem Hab und Gut in einer zerrissenen Plastiktüte aus einem isländischen Supermarkt umherwandert, am Strand schläft und auf der Straße bettelt. Die Ausstellung setzt zudem unsere gesegnete Krise in einen globalen Zusammenhang und fragt „Was ist Krise? Seinen Jeep zu verlieren oder keine Schuhe zu besitzen?“ Momentan schreibe ich einen großen Roman. Er handelt nicht direkt von der Krise, doch nach dem großen Zusammenbruch schreibt man natürlich anders. Die ökonomische Lage beeinflusst jegliches Handeln.



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Im Laufe der Zeit hast du manchmal schreckliche Kritiken erhalten: „ausgezeichnete Idee vom Autor, nur leider zu sehr in die Länge gezogen“ ist häufig der Ton. Der Roman Þetta er allt að koma (etwa: Das wird alles kommen) ist hervorragend, aber zu lang, Höfundur Íslands (Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein erschien 2005 bei Klett-Cotta) ein bisschen zu lang, Herra alheimur (etwa: Mister Universum) ist auch etwas zu weit draußen im Weltall. Meiner Meinung nach liegt deine Stärke als Autor genau darin, zu schreiben ohne zu zögern, nicht ans Telefon zu gehen oder Emails zu ignorieren, wenn der Verleger nach einer Kürzung verlangt. Das ist etwa so, als ob man einem Künstler vorwirft, sein Bild wäre etwas zu groß. So wie du es getan hast. Erinnerst du dich an das Gemälde vom Männerchor aus Skagafjörður in Schlips und Kragen, was in der Gallerie Sævar Karl hing?

Ja, und es ist immer schwer aufzuhören, wenn man erst einmal begonnen hat. Die von dir genannten Kritiken hört man meist hier in Island. Dem kleinen Land fällt es manchmal schwer, große Brocken zu schlucken. Das bedeutet trotzdem nicht, dass man aufhören sollte, in großem Rahmen zu denken. Aber manchmal wird es selbst für mich zuviel. Zum Beispiel als ich mich selbst vier Wochen lang gequält habe, das Bild von dem Chor zu malen. Das war genau zu der Zeit, in der ich mitten im Roman Höfund Íslands steckte. Ich sollte 60 Portraits in 30 Tagen malen. Selbstverständlich bekamen einige ein ‚Montagsgesicht'. Trotz allem habe ich über die Kritik, die Bücher wären zu lang, nachgedacht und versuche sie umzusetzen. Letztendlich ist es mir gelungen, ein Buch mit unter 300 Seiten zu schreiben: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (Klett-Cotta 2010). Da beschwerte man sich wiederum, es wäre zu kurz. Irgendwas stimmt immer nicht. Jetzt schreibe ich wieder eine Schwarte. Mal sehen wie die angenommen wird.

Noch zum Schluss: Island ist nächstes Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Das ändert sicherlich nicht viel an dem momentanen Bild von Island. Trotz Allem sind wir dort mit Qualität und nicht mit halbseidenen Geldgeschäften vertreten. Wir bieten alles von Handschriften aus dem 13. Jahrhundert, über Halldór Laxness und Gunnar Gunnarsson bis hin zur Gegenwartsliteratur. Wenn wir die Standardsätze über die saubere Natur, das reine Wasser und die hübschesten Mädchen mal außen vor lassen: Ist dies nicht eine ausgezeichnete Gelegenheit, das Land vorzustellen?

Ich denke dies ist eine großartige Gelegenheit zu zeigen, dass nicht jedes bedruckte Papier aus Island, wertlos ist.


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