Guðmundur Óskarsson
Bankster erhält Isländischen Literaturpreis
Guðmundur Óskarssons Roman Bankster erhielt den Isländischen Literaturpreis 2009. Sagenhaftes-Island sprach kurz nach der Bekanntgabe des Preisträgers mit dem Autoren. Es kam selbst für Guðmundur überraschend, dass er den Literaturpreis erhielt, obwohl er gegen vier erfahrene Autoren antreten musste, unter anderem gegen Gyrðir Elíasson, der eines seiner literarischen Vorbilder ist.
Kritiker der Tageszeitung Morgunblaðið ernannten das Buch bereits kurz nach seinem Erscheinen zum ‘besten Krisenbuch'. Die Frage, ob er befürchtet habe, dass der Roman zwischen den vielen Büchern, welche die Wirtschaftskrise zum Thema haben, untergehen würde, wies er zurück; die Idee des Werkes enstand kurz nach dem Zusammenbruch und die Krise sei in Wirklichkeit nur zweitrangig: Es bedarf weniger als einer Finanzkrise, um den gewöhnlichen Isländer zu erschüttern.
Guðmundur sagte weiterhin, dass er vom Konzept der Krisenliteratur nicht unbedingt begeistert sei, weil es als eine der wichtigsten Kategorien betrachtet wird. Er hoffe, dass der Roman noch nach der Krise Bedeutung haben werde.
Guðmundur hat vor, neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch weiterhin in der Bank zu arbeiten. Auf ihn habe der Preis den gleichen Effekt, wie über einen Bordstein zu stolpern: Alle Ereignisse haben Einfluss.
Schließlich wurde Guðmundur um drei Tipps gebeten, was man beachten sollte, wenn man einen Literaturpreis gewinnt. Man sollte:
1. sich erlauben, ein wenig gestresst und bescheiden zu sein,
2. dem Kuratorium mit einer Ansprache danken,
3. seiner Mutter im privaten Rahmen danken.
Vielversprechender und unabhängiger Autor
Bei den letzten Nominierungen zum Isländischen Literaturpreis kam es für Viele überraschend, dass der Roman Bankster des Jungautoren Guðmundur Óskarsson in der Kategorie Bellestristik dabei war, da dies erst das dritte Buch ist, das er veröffentlicht hat. Er trat 2007 mit dem bei Nykur erschienenen Buch Vaxandi nánd-orðhviður (Wachsende Nähe-Sprüche), einer Sammlung von 95 Kurzgeschichten und Miniprosa, das erste Mal in Erscheinung. Das Buch stand ganz unter dem Einfluss Gyrðir Elíassons, einem der einflussreichstem isländischen Erzähler der Neuzeit, doch obwohl in Stil und Atmosphäre Gyrðirs Werk ähnlich, machte hier ohne Zweifel ein vielversprechender und selbständiger Künstler seine ersten Schritte. Seine Geschichten beschreiben die unscheinbaren Ereignisse des Alltags und beleuchten die Schönheit der Realität, die sich aus unzähligen Details heraus zu einem Ganzen bildet. Die Stärke der Geschichten liegt im Unbeschriebenem Vor- und Nachspiel, welches außerhalb der dem Leser präsentierten kurzen Eindrücke stattfindet, wobei der knappe Stil eine unergründliche Spannung erzeugt.
Loch im Leben eines Ex- Golfers
Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Guðmundur seinen ersten Roman Hola í lífi fyrrverandi golfara (Loch im Leben eines Ex- Golfers), welches nach Meinung der Kritiker sein bemerkenswertes Talent beweist. Einar Falur Ingólfsson von der Tageszeitung Morgunblaðið bewertete es mit vier von fünf Sternen, es sei stilistisch dicht gewebt und ein „geglückter Psychothriller – obwohl der Titel leichtere Kost vermuten lässt“. Am Anfang des Buches erwacht der von den nebulösen aber bedeutenden Ereignissen des Vortags verwirrte Erzähler. Im Laufe der Handlung lichtet sich schrittweise der Hintergrund, und vor den Augen des Lesers entfaltet sich die Vorgeschichte des Erzählers im Verhältnis zu seiner Exfrau und zu seinem Jugendfreund. Hola í lífi fyrrverandi golfara handelt von der Lebenskrise eines jungen Mannes, der inmitten eines Dreieckverhältnisses den Boden unter den Füssen verliert. Guðmundur erschafft eine bedrückende Atmosphäre, die das Unwohlsein des Erzählers dem Leser greifbar vor Augen führt.
Bankster
Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitete Guðmundur als Bankangestellter, was zweifellos sein neuestes Werk Bankster beeinflusst hat. Es behandelt in aufrichtiger und persönlicher Weise den vielbeschworenen Zusammenbruch der Finanzwirtschaft. Diese Ereignisse haben die Neuerscheinungen des Jahres auf die eine und andere Weise und in unterschiedlichster Art geprägt und obwohl Bankster offensichtlich in diesen Bereich der Krisenliteratur gehört, ist es weder eine Verteidigung eines Systems, welches für das kleine Volk so große Konsequenzen hat, noch der Aufschrei eines zornigen jungen Autors. In dem Roman wird mit großem Einfühlungsvermögen die Leere des jungen Bankangestellten Markus beschrieben, der im Herbst 2008 ebenso wie seine Lebensgefährtin arbeitslos wird, und dadurch den Boden unter den Füssen und jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft verliert.
Auf den Rat eines Freundes hin führt Markus ein Tagebuch, um das „Leben in diesen verrückten Zeiten“ in den Griff zu bekommen und der unausweichlichen Hoffnungslosigkeit der Arbeitslosigkeit etwas entgegenzusetzen. Das gibt der Erzählung ihre in kurze Tagebucheintragungen gebundene Form. Während in Guðmundurs ersten Werken die Stärke im Unausgesprochenem lag, und das bezieht sich sowohl auf die unbestimmte Umgebung und Umstände des Erzählers in Hola í lífi fyrrverandi golfara als auch auf die unausgesprochenen Zusammenhänge der Kurzgeschichtensammlung Vaxandi nánd, ist die Bühne für Bankster fest in der isländischen Wirklichkeit verankert und die Situation eindeutig. Das Buch ist eine realistische Beschreibung der Lebenskrise eines jungen Mannes, der seine Zukunft im goldenen Licht sah und der überwältigenden Krise nun kraftlos begegnet. Während die materielle Realität in beängstigend kurzer Zeit zusammenbrach, geht Markus' Fall hingegen langsam aber sicher vonstatten. Die Erzählung ist eine prägnante Beschreibung der Achtlosigkeit einer aggressiven Gesellschaft, die den Konsequenzen eines unangemessenen Optimismus nichts entgegensetzte, da sie glaubte, der Erfolg und das Ergebnis eines ständigen Vorwärtstürmens wäre nicht aufzuhalten.
Árni Matthíasson, ein Kritiker des Morgunblaðið, hält das Buch für einen ausgemachten Hit und nennt es das beste „Krisenwerk“. Für Gauti Kristmannsson vom Kulturprogramm Víðsjá hat sich hier ein junger vielversprechender Autor herausgebildet: „Guðmundur Óskarsson hat sich mit diesem Roman Gehör verschafft. [...] Er geht furchtlos mit der Form um und experimentiert mit einem einfachen aber umso eindringlicheren Stil“. Er ist zweifellos einer der vielversprechenden jungen Autoren Islands, was die Nominierung zum isländischen Literaturpreis unterstreicht. Seine noch kurze Vita, die drei Bücher innerhalb von drei Jahren umspannt und doch schon den Stempel eines entwickelten Autors trägt, rechtfertigt diese Ehre.
