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Steinar Sigurjónsson

“Ich habe wahrscheinlich so ähnlich wie Kafka gelitten... ”

“Geboren in Sandur unter dem Gletscher. Zog in jungen Jahren nach Akranes. Zum Glück gab ich es als Zwanzigjähriger auf Musiker zu werden, doch ich wusste nicht, was einmal aus mir werden solle. Es gab Versuche, mich als Maschinen- und Bootsbauer auszubilden, was auch immer sich gerade anbot. Später wurde ich als Tontechniker in Reykjavik angelernt. Schon nach wenigen Wochen hatten sie genug von mir, dafür bin ich denen ein Leben lang dankbar gewesen. Eine Zeitlang verrichtete ich auf  Sklavenarbeit auf See, später dann noch schlimmere Sklavenarbeit als Drucker, aber zum Glück wurde ich dort schief angesehen und gefeuert. Ich heiratete, bekam zwei Töchter und ließ mich 1952 endgültig in Reykjavík nieder, obwohl das Leben außerhalb der Stadt besser zu mir passt. Ich war lange Zeit arm, aber ich werde noch einmal reich werden, falls ich es denn überhaupt will.”

Steinar Sigurjónsson 2So beschrieb der Schriftsteller Steinar Sigurjónsson (geb. 1928) sein Leben kurz vor seinem Tod in Holland im Jahr 1992. Steinar beschritt mit seiner Dichtung Neuland, fasste aber in den sechsunddreißig Jahren seiner Schaffenszeit keine Wurzeln sondern pendelte zwischen Verlagen hin und her oder gab seine Werke selber heraus: “ Ich habe wahrscheinlich ähnlich wie Kafka gelitten, aber es irgendwie geschafft mit dem Stift das Entsetzen fort zu lügen...”. Er war einer der Pioniere der Moderne in der isländischen Literatur, und seine Werke schlagen einen Ton an, der sich von der traditionellen Erzählweise und Form radikal unterschied.

Seine ersten Romane, die sogenannten Skaga Geschichten (Ástarsaga/Liebesgeschichte, Hamíngjuskipti/Glückswechsel, Skipin sigla/Segelnde Schiffe und Blandað í svartan dauðann/Gemischt im schwarzen Tod) wurden vom Literaturbetrieb zunächst kaum wahrgenommen, denn in ihnen greift er vehement die Idealisierung des Lebens auf See an, einer der Grundpfeiler der damaligen isländischen Identität. Die Geschichten beschreiben die endlosen Mühen des primitiven, brutalen und vollkommen hoffnungslosen Lebens in den isländischen Fischerdörfern, und zerpflücken damit das romantisierende Bild vom Seemannsleben : Sklaverei auf dem Meer, Erniedrigung an Land.

Steinar wuchs am Meer auf und wusste nur zu gut, was es hieß in einem Fischerdorf zu leben: “Die ersten sieben Jahre meines Lebens blickte (Ich) täglich vom Strand aufs (Meer) hinaus. Dichten bedeutet, in die Tiefen unserer Kindheit hinabzusteigen, und ich glaube, dass ihre ganze Kunst darauf zurückzuführen ist.” Einmal wäre er fast im Meer umgekommen. Mit acht Jahren wurde er vor dem Ertrinken gerettet und bewusstlos an Land gezogen. Dieses Ereignis prägte ihn nachhaltig, im Inneren entstand der Zwist zwischen Künstler und Bürger. “Ich weiß nicht, ob wir jemals zusammengekommen wären, ich und derjenige, der damals ertrank. Der Bürger Steinar war ziemlich lächerlich. Er hat den Anderen in schwerer Stunde oft um Hilfe gebeten. Aber der Andere hat sich um diesen Bürger nie gekümmert. Er hat ihn weder verstanden noch sich für ihn interessiert. Und umgekehrt war's genauso.” Man kann sagen, dass dieser Zwist Steinars Leitmotiv ausmacht, das Bürgerleben im Gegensatz zum Künstlerleben, der Widerspruch zwischen Materialismus und geistigen Werten.

Steinar Sigurjónsson 2Der Roman Farðu burt skuggi/Verschwinde Schatten (1971) war das erste Werk, welches bei der Kritik Anerkennung fand, aber nach Steinars Angaben hat er ihn innerhalb von vier bis fünf Tagen während eines Aufenthalts in einem Dorf im Norden Portugals geschrieben.  In dem Werk bewies Steinar, dass er eine ökonomische Erzählweise beherrscht, und “dass er Stoff und Disziplin im Griff und seinen knappen Stil verfeinert hat”, wie der Kritiker Ólafur Jónsson meinte. Das Buch handelt vom Komponisten Hans, der noch immer kein Werk komponiert hat und mit seiner Freundin in einer Hütte in Reykjavik lebt.  Als er unvermittelt erbt, investiert er in ein Klavier, einen Hut und einen Mantel und macht sich auf die Suche nach einer besseren Bleibe.  Dem Komponisten rinnt das Erbe durch die Finger, und er verliert sowohl das Klavier als auch eine unfertige Komposition an einen Schwindler. Zum Schluss lebt Hans auf der Strasse, seine Freundin hat ihn verlassen, die Hütte ist abgerissen und er spielt Cello in Hauseingängen. Das Werk handelt vom Zustand der Kreativität in einer Gesellschaft voller Selbstbezogenheit und Materialismus. In der Beschreibung des Unbehausten und der Wurzellosigkeit kann man durchaus eine Affinität zwischen der Romanfigur des Hans und des Autors Steinar erkennen.

In seinen folgenden Werken entfernt sich Steinar von der traditionellen Erzählweise, der Roman Djúpið/Tiefe (1974) ist ein Solitär innerhalb der isländischen Literatur und grundverschieden von seinem bisherigem Stil. Das Buch hat keinen logischen Erzählstrang, es ist zum Großteil am Meeresgrund angesiedelt und handelt von einem Jungen, der zweimal gestorben ist und nach Schiffswracks taucht. Der lyrische Text folgt dem wechselndem Fluss eines Musikstücks und untersucht, was sich hinter Sprachvermögen und logischem Erfassen verbirgt. Das Werk schöpft aus Steinars Erfahrungen als fast ertrunkener Junge und er bezeichnete es als seine Autobiographie.

Steinars Werk umfasst ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der isländischen Literatur. In seinen ersten Dichtungen erwachte die Revolte, die sich unter der ruhigen Oberfläche der isländischen Literaturtradition gebildet hatte, und die dann in den siebziger Jahren in Form der Moderne zum Ausbruch kam. Ähnlich anderer Künstler, welche die Macht der Tradition nicht anerkennen wollen, war auch Steinar Sigurjónsson von seiner ersten bis zur letzten Erzählung ein Außenseiter. Die Kritik nahm seine Bücher entweder misstrauisch auf oder missachtete sie ganz einfach. Als er schließlich doch noch Anerkennung fand, war er schon wieder davongeeilt, dem Zeitgeist voraus und weit von ihm entfernt.  Erst seit seinem Tod wird er als einer der bedeutendsten isländischen Autoren der Moderne geehrt.


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