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Ólafur Jóhann Ólafsson

Ólafur Jóhann Ólafsson

In den Vereinigten Staaten wird er als „internationaler Schriftsteller“ bezeichnet. Eine unklare Bezeichnung und trotzdem passend – die literarische Welt Ólafur Jóhann Ólafssons kennt keine Landesgrenzen, seine Bücher sind zudem in über 20 Sprachen erschienen. In Island – wo Ólafur Jóhann seit der Veröffentlichung seines ersten Buches im Jahre 1986, der Kurzgeschichtensammlung Níu lyklar (wörtlich: Neun Schlüssel), große Popularität genießt – erschien in diesen Tagen nach einer fünfjährigen Veröffentlichungspause ein neues Buch.

„Man lernt ständig etwas Neues und versucht sein Schreiben zu verbessern, zudem sammelt man ständig Material und versucht, einen Überblick zu bekommen,“ sagt Ólafur Jóhann nach 25 Jahren als Schriftsteller. Er ist der Sohn des renommierten Schriftstellers Ólafur Jóhann Sigurðsson, lebt schon seit über 30 Jahren in New York und ist Direktor des Medienkonzerns Time Warner. Sagenhaftes Island sprach mit ihm über seine Karriere als Autor und den neuen Roman Málverkið (wörtlich: Das Gemälde).

Doppelleben

Es scheint manchmal schwierig, den Direktor vom Schriftsteller zu trennen, wenn man über deine Werke spricht – hat dich das je gestört?

Vielleicht früher, aber heute nicht mehr. Ich glaube, ich habe es geschafft, diese Rollen in meinem Leben und anderswo deutlich zu trennen. Selbstverständlich haben viele Schriftsteller ein Doppelleben – unterrichten, geben heraus, lesen Korrektur, schreiben Artikel usw.  – aber es gibt wahrscheinlich nur wenige, die meine Arbeit ausüben, deshalb wird das Interesse der Leute geweckt.

Fast deine gesamte Laufbahn als Autor hast du in den Vereinigten Staaten gelebt. Ein isländischer Kritiker sagte einmal, dass du gleichermaßen ein amerikanischer wie ein isländischer Autor seist. Wo positionierst du dich selbst als Autor?

Ich bin ein Isländer, der in New York lebt. Man sollte in meinen Büchern erkennen können, dass meine Wurzeln auf Island sind, obwohl ich seit über dreißig Jahren im Ausland wohne und das Leben an vielen Orten kennengelernt habe. In den Vereinigten Staaten werde ich als „internationaler Schriftsteller“ bezeichnet – was auch immer das bedeuten mag.

Der Stempel „internationaler Schriftsteller“ ist vielleicht gar nicht so unpassend, wenn man deine Werke genauer betrachtet; ihr Horizont reicht um die ganze Welt und sie sind in über zwanzig Sprachen erschienen. Du bist eine Art „Nischenautor“ in der isländischen Gegenwartsliteratur. Ein Literaturwissenschaftler hat dich sogar als „Exilant“ bezeichnet!

Es gibt natürlich immer Autoren, die ihr Land verlassen, um ihre Zelte fern der Heimat aufzuschlagen. Einige brechen ihre Verbindungen ab, andere sehen keinen Grund dazu und pflegen den Kotankt auf ihre Weise aus der Ferne. Ich zähle mich zur letztgenannten Gruppe, weil ich immer noch einen beträchtlichen Teil des Jahres auf Island verbringe, bei mir zu Hause Isländisch spreche und keinen Zweifel daran habe, wo meine Wurzeln liegen. Jedoch bin ich kein typischer isländischer Autor, weswegen man mich vielleicht zurecht als „Exilanten“ bezeichnen kann. Es ist kein Spitzname und stört mich nicht mehr, als andere Definitionen, die mich verorten wollen.

Das Gemälde

Málverkið (wörtlich: Das Gemälde) heisst der neue Roman und erscheint im 25. Jubiläumsjahr der Schriftstellerkarriere Ólafur Jóhanns. Die englische Übersetzung erscheint 2012 bei Harper Collins auf dem amerikanischen Markt, denn der Autor schrieb das Buch gleichzeitig auf Isländisch und Englisch in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Vicky Cribb. Das Gemälde handelt vom Schicksal zweier Frauen im Jahre 1944. Die Truppen von Hitler und Mussolini kämpfen gegen Alliierte und italienische Partisanen. Nur knapp überlebt die isländische Künstlerin Kristín Jónsdóttir einem Anschlag auf die italienische Eisenbahn und flüchtet in die Toskana. Eine Bäuerin gewährt ihr Unterschlupf. Sie wartet darauf, dass ihr Mann aus dem Krieg zurückkehrt. Bald stellt sich heraus, dass die Liebe zur Kunst die Isländerin und jenen im Krieg Vermissten verbindet.

MálverkiðIsländische Kritiker bezeichneten das Buch u.a. als „pageturner“ und „bisher bestes Buch des Autors“. So Anna Lilja Þórisdóttir, Literaturkritikerin der Tageszeitung Morgunblaðið: „Ein meisterhaftes Gemälde ... mit sprachlich klarem Stil. Unter der perfekten und glänzend reinen Oberfläche brodelt heiße Liebe, Eifersucht, Hass und Rache … ein wirklich gut geschriebenes Buch … und vor allem kurzweilig.“

Fünf Jahre sind seit der Veröffentlichung seines letzten Buches vergangen, eine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel Aldingarðurinn (wörtlich: Der Garten Eden), die 2006 mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

„Ich habe noch nie solange an einem Text gearbeitet,“ sagt Ólafur Jóhann über den Roman. „Das Buch erforderte viel Vorbereitungszeit, Recherche, Reisen und Neugier verschiedenster Art. Bevor ich begann, versuchte ich, die Geschichte so gut wie möglich zu kartieren, aber die Gedanken standen nie still und vieles veränderte sich während des Schreibens. Ich habe das Buch dann in Salz eingelegt und eine ganze Weile liegen lassen, als ich mit dem ersten Entwurf fertig war, und nahm mir viel Zeit für den Feinschliff, bevor ich es aus den Händen gab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für mich möglich gewesen wäre, es in kürzerer Zeit abzuschließen. Manchmal ist es einfach so, aber ich hoffe, dass ich beim nächsten Mal etwas schneller sein werde.

In die Toskana reiste ich zum ersten Mal als Teenager und blieb dort für ein paar Wochen. Man reiste in diesen Jahren nicht so viel ins Ausland, weshalb die Reise großen Einfluss auf mich hatte. Sie war von der Europäischen Union organisiert und ich verbrachte die Zeit mit Jugendlichen aus den verschiedenen Ländern Europas. Seitdem reise ich für regelmäßig dorthin und genieße es, dort zu sein. Ich versuche natürlich, ein glaubwürdiges Bild dieser Region zu zeichnen, jedoch folgt am Ende alles den Gesetzen der Dichtung, sodass Häuser und Hügel ihre Standorte wechseln und alles seine Proportionen verändert, jedoch im Bereich des Möglichen bleibt.“

Ich muss einfach schreiben

Wie hast du dich als Schriftsteller entwickelt, wenn du die vergangenen 25 Jahre deines Schreibens Revue passieren lässt?

Ich bin wohl der Letzte, der dies wirklich beurteilen kann. Ich vermute trotzdem, dass ich in diesen 25 Jahren meinen Stil und Sprachgebrauch, Struktur und Erzähltechnik weiter entwickelt habe, und auch mein allgemeines Verständnis vom Leben. Dies passiert natürlich gleichermaßen bewusst wie unbewusst, weil der Reifeprozess als Schriftsteller größtenteils mit dem Reifeprozess als Person einhergeht, und um diesen einzuschätzen, bin ich vielleicht nicht der Richtige. Aber so ist es oft: Man lernt ständig etwas Neues und versucht sein Schreiben zu verbessern, zudem sammelt man ständig Material, und versucht, einen Überblick zu bekommen, Personen und Situationen auf den Seiten zu erschaffen, die den Leser ansprechen.

Was bewegte dich dazu, mit dem Schreiben zu beginnen?

Es war ein seltsames Bedürfnis, das mich als Jugendlicher überkam und dem ich trotz heftiger Gegenwehr nicht widerstehen konnte. Ich glaube, dass ein Schriftsteller kaum andere Gründe hat. Ich wuchs in einem Literaturhaushalt auf, mein Vater war Schriftsteller, sodass ich genau wusste, welchen Boden ich betrete und dass es nicht einfach werden würde. Ich kann nicht sagen, dass ich diese Entscheidung bereut habe. Ich muss einfach schreiben.

Hatte dein Vater, der berühmte Ólafur Jóhann Sigurðsson, Einfluss auf dein eigenes Schreiben?

Ich habe natürlich viel von meinem Vater gelernt und es war von Vorteil, dass ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, der humanistisch geprägt war und viel Interesse an Kunst und Kultur hatte. Ich lernte somit als Kind vieles über die Arbeit eines Autors, über Arbeitsweise und Diziplin, den Umgang mit Sprache und Menschen – sowohl in der Realität, als auch in der Dichtung und in den Köpfen der Leser.

Ist das Schreiben für dich eine Notwendigkeit?

Es ist, als ob einem etwas fehlt, wenn man kein Buch schreibt. Als ob man nichts zu Essen hätte. So seltsam kann man sein.


Interview: Davíð K. Gestsson
Übersetzung: Björn Kozempel
Foto: Kristinn Ingvarsson


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