Kristín Eiríksdóttir
„Ich weiss nicht wie ich Künstler und nicht brutal sein soll,” sagt die Autorin Kristín Eiríksdóttir, die im Oktober ihre erste Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. “Woher soll ich sonst meine Inspiration bekommen?”
Im Jahr 2003 erregte Kristín Eiríksdóttir erstmals literarische Aufmerksamkeit, als sie die freche und trancehafte Erzählung einer Einzelgängerin veröffentlichte, die in einer Neubauwohnung mit ihrem Heavy-Metal-Freund Kalvin wohnt und von einem unaustehlichen Nachbarn terrorisiert wird – „ein widerlicher Teufel, der das Böse in Elektronengewand zu uns hinüberschickte.“ Dieses dunkle und grotesk komische Buch ist eine Mischung aus Gedichtband und Kurzgeschichtensammlung und trägt den seltsamen Titel Kjötbærinn (wörtlich: Die Fleischstadt).
Die Kritiker waren begeistert: „Ein überaus starkes Erstlingswerk,“ schrieb die Tageszeitung Morgunblaðið, das Fréttablaðið stimmte ein: „Es steckt Kraft in diesem bescheidenen Buch.“
Seitdem hat Kristín zwei Lyrikbände veröffentlicht, die ihr den Ruf eingetragen haben, eine der bemerkenswertesten Autorinnen Islands zu sein. Im Jahr 2005 erschien der Band Húðlit auðnin (2005) (etwa: Hautfarbende Wüste), den das Morgunblaðið als starkes und kompaktes Werk bezeichnete, das zweifelsohne das große Talent einer jungen Poetin bezeugt. Daraufhin wurde Annarskonar sæla (2008) (etwa: Eine andere Art von Glück) veröffentlicht, das ihr erstes Buch war, das man eindeutig als Gedichtband identifizieren konnte. Ein Kritiker der Zeitung Fréttablaðið schrieb dazu: „Ich habe mich in dieses seltsame Buch verliebt.“
„Da ist eine Persone, die Doris heißt. Sie stirbt.“
Im Oktober 2010 wird nun ihr neuer Kurzprosaband mit dem Titel Doris deyr (etwa: Doris stirbt) im Verlag JPV erscheinen. „Da ist eine Person in einer Geschichte, die Doris heißt,” erläutert Kristín Sagenhaftes Island im Gespräch. „Sie stirbt.“ Und das ist auch schon alles, was sie über den Inhalt ihres neuen Werkes preisgeben möchte, abgesehen davon, dass eine der Kurzgeschichten in der Anthologie Best European Fiction 2011 bei Dalkey Archive Press erscheinen wird. Sie bezeichnet das Buch als viel traditioneller als ihre vorhergehenden Veröffentlichungen. „Das ist etwas ganz Neues für mich. Ich habe die Geschichten in Kanada, Südamerika und auf Island geschrieben, sodass in ihnen vermutlich unterschiedliche Stimmungen zu finden sind. Es sind zehn Kurzgeschichten, die auf der ganzen Welt spielen. Sie handeln von verschiedenen Personen und sind trotzdem auf ihre Weise miteinander verbunden.“
Kristín, die zur Zeit Bildende Kunst in Montreal studiert, muss eingestehen, dass sie zuweilen die Möglichkeiten des Films beneidet: „Ich bin ein totaler Filmnerd und viele Regisseure haben Einfluss auf mich gehabt. Manchmal denke ich mir: Warum schreibe ich eigentlich, obwohl meine Generation Filme am besten verstehen vermag? Aber dann wird mir bewusst, dass ein Text viel ausdrucksstärker sein kann. Wenn man liest, muss man selbst die Lücken füllen, während einem ein Film immer konkreten Input gibt. Der Text bekommt im Kopf des Lesers immer eine persönliche Note.“
Es ist offensichtlich, dass Kistíns Stil von mysteriösen Auslassungen im Text geprägt ist. Es gibt oftmals das starke Gefühl, dass viel mehr dahinter steckt, als eigentlich gesagt wird. „Ich habe mit einem sehr undeutlichen Erzählstil experimentiert – sodass man irgendein Gefühl hat, jedoch niemals Gewissheit bekommt.“ Trotz dieser Ungewissheit gibt es zahlreiche bildhafte Beschreibungen in ihren Texten, die zuweilen grausam sind und von einer körperlich grotesken Fantasie zeugen: Nach dem Kalvin aus Fleischstadt seine Freundin betrachtet hat, stürzt er plötzlich ins Bad um sich zu übergeben. Er bekam aus unerklärlichen Gründen einen Röntgenblick und wurde beim Anblick ihrer Eingeweide von Ekel überwältigt.
Gewalt, Tod und Sex werden gern und oft in ihren Werken thematisiert. „Ich weiss nicht wie ich Künstler und nicht brutal sein soll,” sagt Kristín. “Woher soll ich sonst meine Inspiration bekommen?”

