AutorIn des Monats

Auður Ava Ólafsdóttir

„Schön wie eine Malerei aus dem Goldenen Zeitalter.“ So bezeichnete ein Kritiker den Roman 'Der Ableger', der von einem jungen Isländer handelt, der einen ehemals weltberühmten Klostergarten neu erblühen lassen möchte.

Audur-deutsch


Auður Ólafsdóttir veröffentlichte ihren ersten Roman Upphækkuð jörð (etwa: Erhöhte Erde) im Jahr 1998. Seitdem hat sie zwei Romane und den Gedichtband Sálmurinn um glimmer (etwa: Glitzerhymne) publiziert. Auðurs Werk wurde in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit zuteil - aufgrund ihrer Ästhetik und ihrer Beschreibungskunst. Kennzeichnend für diese ist es, „klein anzufangen, fast beim Unsichtbaren” (Morgunblaðið) und scheinbar alltägliche Dinge in ein neues Licht zu stellen.

Die zwei folgenden Werke, Rigning í nóvember (wörtlich: Regen im November) und Afleggjarinn (Der Ableger), ernteten nicht nur das Lob der Kritik; Regen im November wurde zudem mit dem Tómas Guðmundsson-Literaturpreis, Der Ableger mit dem Kulturpreis der Tageszeitung DV und dem Isländischen Frauenliteraturpreis ausgezeichnet. In der Begründung zur Verleihung des DV Kulturpreises hieß es, dass das Buch sich aus den „Ketten des Kanons“ befreie - „Hier wird ein neuer Ton im isländischen Kontext angeschlagen.” Das Morgunblaðið bezeichnete Afleggjarinn als zweifellos „stärksten Roman des Jahres 2007“.

 

Fragen nach der Conditio Humana in zeitgemäßer Form

Der Ableger handelt von einem jungen Mann, der mit drei Rosenablegern in ein nicht genanntes Land reist; in ein abgelegenes Dorf, in dem die Männer Bibelnamen tragen. Sein Ziel ist es, einen herunter gekommenen, aber einst weltberühmten Klostergarten neu erblühen zu lassen. Seine Interessen beschränken sich auf drei Gebiete: Rosenzucht, Sex und den Tod. Zuhause in Island lässt er ein geradezu göttlich anmutendes Baby zurück, das er unbeabsichtigt mit einer Frau gezeugt hat, die eigentlich nicht mehr als „die Freundin eines Freundes” für ihn ist. Nach einem Überraschungsbesuch aus Island bleibt er allein mit dem Kind zurück, das außerordentlich begabt ist und bereits einige lateinische Wörter beherrscht. Der Roman wirft mittels seiner subtilen religiösen Symbolik und seiner Hintergründigkeit Fragen nach der Conditio Humana auf – in einer zeitgemäßen, geistreichen, zugänglichen Form.

 

Kulturelles Handgepäck

Auður arbeitet seit vielen Jahren als Kunsthistorikerin an der Universität Islands. Hat ihr akademischer Hintergrund Einfluss auf ihr Schreiben? „Der hauptsächliche Einfluss besteht darin, dass ich Vollzeit an der Universität Islands als Lehrer tätig bin und deshalb die Abstände zwischen meinen Büchern recht groß sind. Die Sache mit den Bildern ist ziemlich kompliziert. Sie sind Teil meines kulturellen Handgepäckes, tausende von Bildern aller Art. Oft liegt ein Bild hinter meiner Textproduktion, aber nicht unbedingt ein Werk aus der Kunstgeschichte. Ich glaube mich zu erinnern, dass ein dänischer Kritiker das Buch als ‚schön wie eine Malerei aus dem Goldenen Zeitalter' bezeichnete. Ich fragte mich sofort, ob er ein Gemälde aus dem 16. oder 17. Jahrhundert gemeint hatte. Und dann, welches.”

Befragt nach Ursprüngen und Motiven ihres Schreibens erläutert Auður: „Die Unzugänglichkeit isländischer Bücher für die meisten Leser auf der Welt gibt ihnen einen fast mystischen Vorsprung. Mein Blick auf die Welt ist schon immer ein wenig schräg gewesen. Und dann bekomme ich aus dem Nichts heraus das Verlangen, eine Fantasiewelt zu erschaffen, in der eigene Regeln gelten. Lässt sich als großer Freiheitsdrang verstehen.

Audur_Afleggjarinn„Ich wollte mich dem Alogischen in der Psyche des Menschen auf musikalische Weise nähern. Und den sogenannten Alltag hervorheben, ihm zugleich eine religiöse Bedeutung geben, wie im Roman Der Ableger. Ich gehöre zu den Autoren, die die Welt anders haben wollen, als sie eigentlich ist. Bevor ich begann, Romane zu schreiben, war ich einmal in den Pyrenäen, wo ich in ein Dorf kam, wo Autoren von Liebesromanen eine Konferenz abhielten. Ich hatte nie zuvor Leute gesehen, die so wenig wie Schriftsteller aussahen, auch wenn es vielleicht keinen universalen Typus von Schriftsteller gibt. Es wirkte, als gäbe es ein Farbmotto im Kleidungsstil, weil alle soviel Violett trugen. Es fiel mir ein, dass es eigentlich einmal ganz lustig sein könnte, zu so einer Konferenz eingeladen zu werden. Seitdem ist die Liebe zu einem Hauptthema in meinen Büchern geworden.”

Eine der Hauptcharakteristiken von Auðurs Romanen ist ein starkes Bewusstsein für die Grenzen und Möglichkeiten der Sprachen. Jeder Sprache wohnt eine bestimmte Denkweise inne. Der Ableger wurde bereits in Dänische und Französische übersetzt, 2011 wird er auch in Deutschland erscheinen, im Programm des Suhrkamp Verlags.

Wie erlebt es die Autorin, ihr Buch in einer anderen sprachlichen Denkweise zu sehen? „Obwohl manches in der Übersetzung verloren gehen, eröffnet jede Sprache auch neue Möglichkeiten! Ich habe sehr viel Glück mit den Übersetzern gehabt, die meinen Rhythmus hinbekommen haben, der sicherlich das Schwerste am Übersetzen ist.

Der Ableger wird im August in die französischen Buchläden kommen. Der französische Verlag gab dem Buch den Titel Rosa candida, welcher der Name der Rosensorte ist, die mein Protagonist züchtet, und gleichzeitig eine alte Bezeichnung für die Mutter Maria. In der französischen Ausgabe wird auf den Ursprung des Wortes candide verwiesen, das die Unschuld und Reinheit des jungen Vaters ausdrückt und gleichzeitig eine Brücke zu Voltaires Meisterwerk Candide schlägt. In Dänemark fand man es hingegen bemerkenswert, dass der Protagonist des Buches Unbekannten und auch Ausländern vertraute und verglich das Buch mit Dostojewskis Der Idiot. Und dann darf man nicht vergessen, dass der Dichter ein Ausländer in der eigenen Sprache ist, und es ist die Aufgabe des Dichters, die Sprache mißzuverstehen.”


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