Sölvi Björn Sigurðsson
Keine Kopie. Von Niemandem.
Sölvi Björn Sigurðsson hat drei Romane veröffentlicht, genießt zudem den Ruf eines Lyrikers von Rang. Seine ersten Publikationen waren die Gedichtbände Ást og frelsi (2000, wörtlich: Liebe und Freiheit) und Vökunætur Glátúnshundsins (2002, Schlaflose Nächte des Glátúnhundes). Sein erster Roman mit dem Titel Radio Selfoss erzählt von einer isländischen Familie in den Neunziger Jahren, die eine Weile in Dänemark gelebt hat und zurück nach Island zieht, in die Kleinstadt Selfoss. Die Geschichte beschreibt die Freundschaft zweier Jungen inmitten ihres turbulenten Familienlebens. Die Kritik bezeichnete diesen Familien- und Entwicklungsroman als “Debütroman wie er sein sollte”.
Die teuflische Kömodie
In einem Interview mit der Tageszeitung Morgunblaðið, welches kurz nach dem Erscheinen von Radio Selfoss geführt wurde, antwortete Sölvi Björn auf die Frage, ob es möglich gewesen wäre, seinem Roman die Form eines klassischen Epos zu geben: “Das wäre dann ein sehr langes Gedicht im Hexameter geworden.” Vielleicht bekam er dadurch auch die Idee für sein folgendes Werk, Gleðileikurinn djöfullegi (Die teuflische Komödie), ein Versepos über die Reise eines jungen Mannes durch das Nachtleben von Reykjavík, das in Stil und Form – bis hinein ins Metrum - der Divina Commedia von Dante nachempfunden ist. Die Kritik pries die höchst ungewöhnliche Teuflische Komödie als einen der gewitzesten und kreativsten Gedichtbände der letzten Jahre. Gauti Kristmannsson, Kritiker der Kultursendung Víðsjá: „Sölvi Björn ist es gelungen, ein Stadtgedicht über das heutige Reykjavík, das ein immenses Lesevergnügen bereitet. Ein Gedicht, das nicht davor zurückschreckt, gänzlich poetisch in Form und Inhalt zu sein, jedoch zugleich das Bedürfnis nach einem angenehmen Lesefluss stillt. Und nebenbei wird das hochgelobte Reykjaviker Nachtleben ins rechte Licht gerückt.”
Eine isländische Version Murakamis
Im Jahr 2006 erschien der Roman Fljótandi heimur (Fließende Welt), in dem es Sölvi Björn nach Dante mit einem weiteren Literaturgiganten aufnahm, mit dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami. Der Text ist eine Mischung von Literaturgenres – Liebesroman, Krimi, Wissenschaftsroman – und beschreibt die Bekanntschaft eines jungen isländischen Studenten vom Lande mit einem geheimnisvollen Strumpfhosenmodel, der halbjapanischen Saiko. Sie verschwindet – wie in Murakami-Romanen üblich - natürlich spurlos, was eine wirklichkeitsverzerrte und whiskeybefleckte Suche des Protagonisten auslöst. Der Literaturkritiker Björn Þór Vilhjálmsson lobte im Morgunblaðið , dass es Sölvi Björn gelungen sei “sich Murakamis Stil zu bedienen, (...) ohne dabei in die Fallen der postmodernisitschen Ironie zu geraten.” Kristrún Heiða Hauksdóttir, Kritikerin der Tageszeitung Fréttablaðið bezeichnete das Buch als sowohl gleichermaßen kunstvoll konstruiert wie fesselnd „Eine höchst originelle und gegenwärtige Geschichte, die es auf elegante Weise Fiktion und Realität verbindet.“
Fear and Loathing in Amsterdam
In seinem daraufhin folgenden Roman Síðustu dagar móður minnar (Die letzten Tege meiner Mutter) beschäftigte er sich mit Kontrast zwischen dem Sterben und der Freude am Leben. Das Buch erzählt die Geschichte des 37-jährigen Hermann, dessen verschrobene Mutter Eva unheilbar an Krebs erkrankt. Nach einer Recherche entscheidet sich Hermann, seine Mutter nach Amsterdam zu begleiten, wo sie eine Therapie machen möchte. Hermann selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer zweiten Krise, weil er sich erst kurz zuvor von seiner langjährigen Freundin getrennt hat. Die Reise nach Amsterdam ist somit sowohl für ihn als auch für seine Mutter eine Reflexion über das Leben, ist Ende und Neuanfang zugleich und stellt ihre Beziehung zueinader auf die Probe.
Der Autor selbst bezeichnete das Buch im Interview mit “Sagenhaftes Island” als eine Art „Fear and Loathing in Amsterdam“. Literaturkritiker Þórarinn B. Þórarinsson bewertete es trotz des existentiellen Themas als “ zum Schreien komisch”. Der Kulturjournalist Bergsteinn Sigurðsson schrieb in seiner Kritik: “Der Stil ist dynamisch und geschmeidig. Seine Personen- und Situationsbeschreibungen sind oft großartig und die Dialoge zum Totlachen (...) Ein äußerst komisches und gleichzeitig unglaublich trauriges Buch; Ein Kampf um Leben und Tod, in dem Lebensfreude auf Todesangst trifft, und oft weiß man nicht genau, wer die Oberhand behält (...). Kurz: Ein grandios geschriebener Roman. Saukomisch, tieftraurig und wunderschön.”
Sagenhaftes Island sprach mit Sölvi Björn über seine Einflüsse, seine Arbeit und kommende Projekte.
Was sind Deine literarischen Vorbilder?
In Wirklichkeit kann jeder und alles Einfluss auf einen haben, eine Museumsbroschüre, eine Shampoo-Flasche oder eine Fernsehsendung über die Achselhöhle von britischen Männern. Hinter der Ursprungsidee von Fließende Welt steht zum Beispiel ein Interview mit Nicole Richie, das Resultat würde ich heute eher mit Dostojewski in Beziehung bringen. Mir gefällt der Wahnsinn in Die Brüder Karamasow, aber es ist kaum möglich, hier von Einfluss zu sprechen (...) Zuerst verschlang ich Þórbergur Þórðarson und Halldór Laxness und geriet dadurch auf den traditionellen Weg der isländischen Literatur. Aber dann kamen andere Autoren, andersartige Autoren, und am Ende hofft man lediglich, keine Kopie zu sein, von niemandem, obwohl man seinerzeit von ihnen begeistert war.
Die letzten Tage meiner Mutter wirft schwierige Fragen auf: Über den Umgang mit dem Tod, über Sterbehilfe. Wie kam es zur Wahl dieser Themen?
Das ist eine gute Frage und ich weiß kaum, wie ich sie beantworten soll, vielleicht deshalb, weil das Buch niemals “schwierig” sondern gerade “leicht” werden sollte. Und so empfinde das ist es auch, trotz des dahinter liegenden Dramas. Ich war begeistert vom Titel, der eines der ersten Dinge war, die ich entschieden hatte. Die Mutter als Lebenskraft, die vor ihrem Ende steht, war auch etwas, das ich für eine gute Romankonstellation hielt, besonders wenn man einen unkonventionellen Weg einschlägt und die Mutter-Sohn-Beziehung als Zweiergespann anlegt, wie bei Holmes und Watson. Sie sind ein bisschen wie „Fear and Loathing in Amsterdam“, ein „Odd Couple“. Veranstalten Trinkgelage, fliehen vor der Wirklichkeit.
In Die letzten Tage meiner Mutter bewegst du dich nach zwei großen Formexperimenten wieder auf traditionellen Wegen. Willst du dort bleiben oder weitere Experimente wagen?
Ich begann in recht jungem Alter zu schreiben und empfand es als nötig, in meiner Laufbahn als Schriftsteller ein paar Experimente zu machen – in Form, Erzählstil, Kombination von Genres und genauso der Beziehung meiner Texte zu den Autoren, die mich beeindruckt haben, wie Murakami. Der erste Roman, den ich versuchte zu schreiben, handelte von einem Schriftsteller, der in einem kleinen Landhotel versucht, einen Roman zu beenden. Sein Aufenthalt ist unspektakulär, bis er sich entschließt, eine Schreibpause einzulegen und seine Freunde zu einer Party einlädt. Während er auf die Gäste wartet, verirrt er sich in den schmalen Fluren des Hotels und trifft auf unerwartete Besucher, wie Raskolnikoff, Don Quijote und andere Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Sie führen ihn durch die Zimmer, die Kapitel aus Werken anderer Autoren in sich bergen, wodurch die Hauptperson in eine Art Dichtungs-Utopie gerät, in der Foucault Frikadellen brät und Cervantes in Gefängnis kommt. Der Schriftsteller findet nie die Gäste, die er eigentlich treffen wollte, und hat selbst nur wenig zu bieten, im Vergleich zu dem, was er erfahren hat.
Die Idee war, einen Roman zu schreiben, der von sich selbst handelt, vom Einfluss und Dialog innerhalb der Literaturtradition und davon, wie jeder einzelne Text ein „Mosaik der Zitate” ist, und von all dem, was der Poststrukturalismus, T.S. Eliot, Kundera und die Literaturwissenschaften als Gebote für „richtige Autoren“ formulierten. Aber die Handlung dieses Romans erwachte nie wirklich zum Leben, sodass ich ihn abbrach und ein ganz anderes Buch schrieb, das ebenso eine Art Experiment wurde. Radio Selfoss sollte eine „straight forward“-Geschichte werden, eine Familiengeschichte, eine Kindheitserzählung, ein Unterhaltungsroman. Als das Buch fertig war, habe ich mich auf kreativere Pfade begeben und Die teuflische Komödie und Fließende Welt geschrieben, mit denen ich viel zufriedener war, als mit der Geschichte im Landhotel.
Was ist der nächste Schritt? Von was handelt das nächste Buch und wie wird es aussehen?
Mein Verleger würde auf jeden Fall irgendwas wie “Der Untersuchungsbericht des Allþingi trifft auf die Brüder Karamasow” oder “Nina Hagen schreibt die Buddenbrooks des 21. Jahrhunderts” sagen. (...) Ich kann nur verraten, dass der nächste Roman länger als die vorhergehenden sein wird, er soll sich auf neue Weise mit Zuchtschweinen beschäftigen, eine kurze Geschichte der Hammel bieten, nach einer verlorenen Doktorarbeit über isländische Literaturgeschichte forschen, Gier und Herzschmerz studieren, sich in den Unannehmlichkeiten des Lebens vergraben, die Beziehungen von Brüdern ergründen, die Beziehungen von Eltern und Kindern beleuchten, Einblick in die moderne Wissenschaft und die Ehe geben, Besorgnis als einzigartiges Phänomen behandeln, das möglicherweise erblich oder eine Art Sublimierung von Fehlern oder Betrug ist, die Unglück zur Folge haben. Und nebenbei wäre es großartig, wenn der Roman herausfinden würde, warum hier auf Island alles so unglaublich aus dem Ruder geraten ist.
