Ein Zungenbrecher wird fotografiert
Sigurgeir Sigurjónsson ist schon seit langem für seine Landschaftsfotografien bekannt. Er arbeitet zur Zeit an zwei Büchern gleichzeitig. Eines über den Vulkanausbruch am Eyjafjallajökull, das Ende Juni in Deutsch, Englisch und Französisch herauskommen wird. Das Andere ist ein Buch mit Luftaufnahmen der Insel, welches Earthward heißen wird.
Sagenhaftes Island traf Sigurgeir in seinem Reykjavíker Atelier in der Hverfisgata, die manche als kunstloseste Straße Westeuropas bezeichnen. Ob wahr oder unwahr, fest steht, dass Sigurgeirs geräumiges Holzhaus eine perfekte Arbeitsatmosphäre für Fotografen bietet: ein üppiger Leuchttisch im Flur, eine Sitzecke im Wohnzimmer, die Regale voller interessanter Bücher und am Eingang ruht eine Leica sorglos auf ihrem Stativ. Gleich daneben eine Hasselblad. Sigurgeir setzt sich zunächst auf das Sofa, steht dann aber auf, schaltet den Computer ein und beginnt, von seinen beiden derzeitigen Projekten zu berichten.
„Es steht noch nicht ganz fest, wie das Buch über die Eruption des Eyjafjallajökull heißen soll“, sagt Sigurgeir. Ohne Vorwarnung war der Zungenbrecher Eyjafjallajökull wegen der Auswirkungen auf den Flugverkehr in aller Munde. Es war das beliebteste und gleichzeitig unverständlichste Wort, das in den Weltnachrichten kursierte. Selbst Isländer haben Schwierigkeiten mit der Aussprache. „Ja, ich suche immernoch nach einem guten Titel für das Buch“, gesteht Sigurgeir, „Der Name Eyjafjallajökull bringt die Sache eigentlich auf den Punkt. Es ist ein Buch über den Ausbruch, der ja immer noch anhält. Keiner weiß, wie sich die Situation entwickeln wird. Das Buch ist eigentlich fertig und zeigt in vier Kapiteln den Beginn des Ausbruchs, seine Entwicklung und die Auswirkungen auf die Bewohner der Region.“
Es enthält viele höchst beeindruckende Bilder über den Ascheregen, zeigt, wie die Welt am Fuße des Vulkans von einem Tag auf den anderen ergraute und Dunkelheit am hellichten Tage hereinbrach. Das Titelbild des Buches ist monumental: es zeigt die siedende Lava in den beiden Kratern zeigt, die von einer Art Ring aus Asche umgeben sind.
Jedes einzelne Bild erzählt eine Geschichte, z.B. das Bild vom Seljavallalaug, dem Schwimmbad, das von den ansässigen Bauern Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut wurde. Auf dem Bild sieht man das türkisleuchtende Becken in einer aschegrauen Landschaft unter mildgrauem Himmel.
- Es ist bestimmt sehr interessant für dich als Fotografen, mit den Bildern des immernoch andauernden Ausbruches ein Buch zusammen zu stellen.
„Ja, es sind beeindruckende Bilder“, meint Sigurgeir, „ich glaube auch, dass sie viel zur Geschichte des Ausbruchs in Verbindung mit der isländischen Geologie beitragen können. Der Geologe Sigurður Steinþórsson schrieb die Texte für den Band und erklärt sehr anschaulich, was am Eyjafjallajökull passiert. Darüber hinaus habe ich noch hervorragende Aufnahmen anderer Fotografen hinzugefügt, die für das Buch sehr wichtig sind.“
,,Earthward''



Die Idee zu dem Buch ,,Earthward“, das im Herbst dieses Jahres erscheinen wird, kam dem Fotografen vor ungefähr vier Jahren. „Ich wollte dieses Projekt eigentlich innerhalb eines Monats abschließen. Ich schoss Bilder aus dem Hubschrauber, was ich bisher nie zuvor gemacht hatte. Auf diese Weise erschien mir die Landschaft ganz anders zu sein, sozusagen ohne Horizont. Mit der Zeit bekam ich das Gefühl, dass dies ein größeres Projekt werden würde. Je mehr ich mich dem Boden näherte, desto mehr Formen und Strukturen kamen zum Vorschein, die ich vorher nie gesehen hatte.“
Dann blättert Sigurgeir durch einige der Earthward-Bilder. Das Erste, das auffällt, sind die unzähligen Formen und Farben, die Island hat. Sie erinnern an abstrakte Gemälde, auf denen Öl- und Wasserfarben miteinander vermischt wurden.
- Zu welcher Tageszeit sind diese Aufnahmen entstanden?
,,Am späten Nachmittag“, sagt Sigurgeir, ,,das fällt einem gleich ins Auge. Wenn die Sonne ihren Zenit erreicht, wirkt alles einfach überbelichtet. Wenn sie dann langsam untergeht, kommen diese Farben zum Vorschein, die das Land, die Gletscher und die Seen in ein faszinierendes und geheimnisvolles Licht hüllen.“
- Es klingt vielleicht klischeehaft, aber warum ist für dich als Fotograf Island so eine unerschöpfliche Quelle von Ideen und Motiven?
„Ich hoffe, das dies meine Bilder am besten beantworten können. Island ist ein unerschöpfliches Fotomotiv, ein Land im Entstehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist voller Schönheit und Kontraste und eine wahre Goldgrube für Fotografen.“
Über den Fotografen Sigurgeir Sigurjónsson
Sigurgeir Sigurjónsson wurde 1948 in Reykjavík geboren. Er lernte zwischen 1965 und 1969 Fotografie und studierte daraufhin auch an der Fotoakademie Christer Strömholm in Stockholm 1970-1971 und in San Diego Kalifornien 1980-1981. Seine Werke wurden in zahlreichen Büchern veröffentlicht. Sein erster Fotoband erschien 1982 unter dem Titel Svip-myndir/ Porträts. Im Jahr 1992 publizierte er dann seine ersten Landschaftsaufnahmen in dem Buch Landschaft: Islandbilder. In den Folgejahren erschienen zahlreiche , sehr erfolgreiche Fotobände über Island und seine Bevölkerung.
Island –die warme Insel des Nordens, Forlagið 1994
Faszination Island, Forlagið 1998
Wo die Natur zu Hause ist, Forlagið 1999
Reykjavík – Eine Stadt für jede Jahreszeit, Forlagið 1999
Zauber der bewegten Wasser, Forlagið 1999
Lost in Iceland, Forlagið 2002
Found in Iceland, Forlagið 2006
Made in Iceland, Forlagið 2007
Gemeinsam mit Unnur Jökulsdóttir publizierte Sigurgeir 2004 den Fotoband Isländer.


