Ragna Sigurðardóttir

Als zu Beginn der neunziger Jahre Ragna Sigurðardóttirs erstes Buch Borg (dt.: Stadt) erschien, wurde es von den Kritikern als literarisches Ereignis gefeiert und 1993 für den isländischen Literaturpreis nominiert.
Ragnas höchst avancierter Roman, der die Textur des Buches mit der Topographie der Städte verbindet und so eine Schnittstelle zwischen Literatur und Stadtraum sichtbar machte, führte einen neuen Ton in die isländische Literatur ein.
Ragna, geboren 1962 in Reykjavík, studierte von 1985 bis 1989 an der isländischen Kunstgewerbeschule und von 1989 bis 1991 an der Jan van Eyck-Akademie in Maastricht, Holland. Von 2002 an arbeite sie sowohl als Kunstkritikerin bei der Zeitung Morgunblaðið wie auch als Autorin für Magazine, Museen und Ausstellungen. Bevor sie sich der Literatur widmete, hatte sie als Bildende Künstlerin einige Werke geschaffen, in die Texte auf vielfältige Art eingeflossen waren.
„Die Stadt aller Städte”

Im Mittelpunkt der Handlung von Borg stehen drei Personen: Úlla, ein Kind der Stadt, sozusagen eine Zelle des Stadtkörpers, dort geboren und aufgewachsen; Logi, der Werbetexter und Vaka, Studentin der Linguistik und Übersetzerin; sie ist die Zugezogene, die den Gegensatz zu den unbeschwerten Stadtwesen Logi und Úlla bildet.
Die Zeit der Geschichte ist, wie der Ort der Handlung, unbestimmt; die Umgebung ist einerseits isländisch, anderseits mit Elementen anderer europäischer Grosstädte versetzt, wie Siegessäulen, Armenviertel und Luftverschmutzung. Diese Stadt, zugleich vertraut und fremd, ist sowohl die Grundlage der Geschichte als auch die vierte Hauptperson.
Die Gegenwart austricksen
In Ragnas zweitem Roman Skot (dt. Schuss, erschienen 1997) wird der klassische Kriminalroman dekonstruiert. Die Geschichte handelt von der Isländerin Margrét, die in Rotterdam arbeitet. Sie lernt einen charmanten Orientalen kennen und verliebt sich in ihn. Unmittelbar nach ihrem ersten Rendezvous wird der Mann auf offener Strasse erschossen. Diese dramatischen Ereignisse stellen Margréts Leben auf den Kopf, insbesondere weil sie schwanger ist. Es beginnt die Suche nach dem Mann, der den Schlüssel zum Mordrätsel in der Hand hält.
Ragna bedient sich in diesem Roman an Motiven des isländischen Volksglaubens. So wird Margret von einem Vogel unterstützt, der eine Mischung aus Rabe und Eule ist. Indem Ragna Aberglaube und Aufklärung (als Epoche der Geistesgeschichte wie als Lösung des Falls) verknüpft, erscheint die Gegenwart in einem anderen Licht.
Das Übernatürliche kommt auch in ihrem dritten Buch Strengir (dt. Saiten, erschienen 2000), einer fragmentarischen Liebesgeschichte zur Geltung. Die Geschichte handelt von der Liebe zwischen Maria Myrká und dem Theologiestudenten Bogi, die sich als Jugendliche kennenlernen. Voller Naivität sehen sie ihre Zukunft in Licht der gerade erwachten Liebe, aber nach einem Versuch der körperlichen Liebe kommt es zur Entfremdung. Jahrzehnte später treffen sie sich wieder, Maria ist Mutter und Bogi zweifacher Vater. Sie nehmen ihre Beziehung wieder auf.
Maria ist – wie ihre Mutter und ihre Großmutter – alleinerziehend. In ihr thematisiert der Roman die Freiheit und den Status der Frauen in der modernen isländischen Gesellschaft.
Die realistische Liebesgeschichte wird immer wieder von Einschüben durchbrochen, in denen ein geheimnisvollen Wesens auftritt – ein Naturgeist, der Marias Vorfahren seit Urzeiten folgt. Wie schon in Schuss gibt die Verbindung von Realismus und Phantastik dem Text seine besondere Poesie.
Eine falsche Landschaft

Ende 2009 erschien Ragnas vierter Roman Hið fullkomna landslag (dt. Die vollkommene Landschaft). Die isländische Kunsthistorikerin Hanna kehrt aus Amsterdam zurück, um eine leitende Funktion im Museum in Reykjavík zu übernehmen. Die Spekulationsblase ist noch nicht geplatzt, und die Neureichen gefallen sich darin, trotz ihrer Ignoranz gegenüber Kultur und Kunst, Museen mit teuren Kunstwerken auszustatten. Das Museum hat vor kurzem ein solches Geschenk erhalten. Es handelt sich um das Landschaftsgemälde einer bekannten isländischen Künstlerin aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schon bald kommt der Verdacht auf, dass das Werk eine Fälschung sei. Hanna übernimmt zusammen mit einem Kollegen diese schwierige Angelegenheit, aber ihre Untersuchung stößt auf viele Widerstände, denn nur wenige sehen einen Sinn darin, die florierende Verbindung von Finanzmacht und Kulturinstitutionen mit der Aufdeckung eines gefälschten Werkes zu stören.
In diesem Werk kommt Ragna ihre Kenntnis der isländischen Kunstwelt zugute. Ihr Buch wirft grundsätzliche Fragen zum Wert der Kunst auf. Gleichzeitig zeigt das Buch die Achtlosigkeit, die in den Hochzeiten des „Materialismus“ auf Island herrschte, und es beschreibt dessen Einfluss auf das Selbstbild eines Volkes, welches den wahren Wert des Kulturerbes dem Verfall preisgibt.
Ragnas Werke durchzieht als gemeinsamer Topos die dringenden Fragen an eine veränderte Sichtweise miteinander verknüpfter Elemente: Natur, Kultur, Frauenbild. In jedem Werk werden diese Themen neu perspektiviert. Ihr letzter Roman festigte ihren Rang als eine der bedeutendsten isländischen Autorinnen der Gegenwart. Die Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Fríða Björk Ingvarsdóttir hält ihr Werk für einzigartig, denn Ragna sei es gelungen „die Illusionen, die bis in die jetzige Zeit Regel und Anerkennung bestimmten, zu entlarven. Die vollkommene Landschaft untermauert, dass Ragna Sigurðardóttir eine der besten Autorinnen ihrer Generation ist.“
